Siezen oder duzen wohin geht die Reise? Was ist erlaubt?

 

Das Thema Siezen und Duzen beschäftigt viele Menschen – vor allem im Umgang mit Kunden, Vorgesetzten, Bekannten oder auch in sozialen Medien. Inspiriert hat mich dieser Artikel, weil wir im Team darüber diskutiert haben, ob man in sozialen Medien – z.B. LinkedIn einfach so per Du sein darf. In letzter Zeit erhalte ich nämlich immer öfter Nachrichten in Du-Form.

Der Kolumnist Rezo schrieb jüngst in www.zeit.de folgendes: „In sozialen Medien ist das Du die Standard-Anrede. Doch erschreckend viele User respektieren das nicht. Das ist grob unhöflich.“

Und der Schweizer Arbeitspsychologe Stefan Heer meint, dass das Siezen in Unternehmen überholt ist und begründet das damit, dass das Sie einen gewissen Status zementiert –  ein Statusmerkmal aus vergangenen Zeiten, das immer unwichtiger wird.

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Kindheit: Erwachsene – auch Freunde der Familie – hatte man zu Siezen, außer man erhielt die Erlaubnis zum Duzen. Als ich mit 15 Jahren dann in die höhere Schule kam, wurde ich von den Lehrern plötzlich per Sie angesprochen, das war eigenartig. Man war also in der Hierarchie der Erwachsenen angekommen. Wenn ich später von einem älteren Menschen geduzt wurde, traute ich mich nicht, dies ebenfalls zu tun.

Und wie verhält sich das heute in Unternehmen?

Früher pflegte man viel häufiger einen autoritären Führungsstil: Der Chef gab die Anweisung und der Mitarbeiter führte diese aus.  Das Sie wurde dabei als Instrument benutzt, um Respekt aufzubauen und klare Grenzen zu setzen. Heute ist die Mitarbeiterführung meist kooperativer und die Hierarchien flacher.  Durch die Digitalisierung hat sich unsere Arbeitswelt ebenfalls verändert, wir arbeiten vernetzter und häufiger global.

Das Siezen in Unternehmen nimmt stark ab.

Woran liegt das?
Einerseits natürlich an der Globalisierung und dem Englischen. Die Kultur hat sich geändert: Junge Leute duzen und wollen geduzt werden. Zudem kommt es in Unternehmen, in denen noch gesiezt wird, häufig zu Spannungen, wenn der Chef die einen Mitarbeiter duzt und die anderen nicht. Wenn, dann muss es einheitlich sein.

Warum?
Auf beruflicher Ebene hat das Du eindeutige Vorteile gegenüber dem Sie. Das Du ist ein Angebot von Nähe. Es schafft Zusammengehörigkeit, baut Distanzen, Formalitäten und Hemmschwellen ab, man kommuniziert auf Augenhöhe. Dadurch wird ein partnerschaftliches Klima geschaffen, ein besseres Gemeinschaftsgefühl, das die Teamarbeit stärkt.

Also am besten gleich eine Duz-Kultur einführen?

Viele befürchten, dass durch das Duzen der Respekt verloren geht und, dass es zu weniger Anstand bzw. zu lockeren Sprüchen verführt. Gerade ältere Menschen, finden es womöglich als Statusverlust. Vielleicht haben sich diese, als lang gediente Mitarbeiter das Du vom Chef mühsam erkämpft und nun soll dieses Statussymbol wertlos werden und selbst der Lehrling darf den Chef duzen? Undenkbar.

Ikea macht es schon lange (Ikea Blog Artikel)

Das Duzen über alle Ebenen ist keine Erfindung von IKEA und auch kein aufgesetztes Sprachsystem – es ist einfach schwedisch. In Schweden wird seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in der gesamten Gesellschaft geduzt. Damit haben die Schweden ein sehr kompliziertes und gestelztes System abgelöst, in dem beispielweise in Betrieben und Behörden Menschen nicht mit ihren Namen, sondern mit ihren Titeln angesprochen wurden, so dass sich der Herr Generaldirektor und die Frau Sekretären ziemlich umständlich begrüßen mussten. Seit Abschaffung dieses Systems (die vom damaligen Direktor der Gesundheits- und Sozialbehörde eingeleitet wurde), bleibt die formale Anrede dem König vorbehalten – der Rest der Bevölkerung spricht sich mit den Vornamen an und duzt sich.

Bei IKEA duzen sich alle und in der allgemeinen Kundenansprache, also z.B. in der Werbung, wird geduzt. In der direkten Kundenansprache sind wir in Deutschland beim Sie geblieben, denn hier zeigen sich die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland und das „Du“ wird von manchen Kunden als unangebracht empfunden.

Welchen Effekt hat denn nun das IKEA interne Duzen auf den Umgang miteinander oder den Respekt für das gegenüber? Sind wir dadurch distanzlos bei IKEA? Ganz im Gegenteil: dadurch, dass wir uns Duzen gehen wir bewusster miteinander um – das „Sie“ schafft Distanz und unterstützt hierarchische Strukturen und wer sich siezt, geht nicht automatisch respektvoller mit dem anderen um. Das Duzen ist der Ausdruck einer Grundhaltung bei IKEA: wir sind mit unserem Gegenüber auf Augenhöhe, wir müssen uns nicht verbiegen um die richtige Anrede zu finden und keine Angst haben den Doktortitel zu vergessen. Das „Du“ ist kein einfacher Gleichmacher, sondern ein Türöffner für ein entspannteres und vertrauensvolles Miteinander.

Den gegenseitigen Respekt drücken wir nicht durch eine stilisierte Anrede aus, sondern durch die Art wie wir miteinander umgehen, egal welche Position der andere innehaben mag. Bei einem Treffen in einer großen Gruppe mit Kollegen die man nicht kennt, kommen wir schneller ins Gespräch, gehen ungezwungener miteinander um und oftmals stellt man erst im Lauf des Treffens fest, dass die Kollegin, mit der man sich so angeregt unterhalten hat, eine der stellvertretenden Geschäftsführerinnen ist.

https://ikea-unternehmensblog.de/article/2017/du-sag-mal

Hat die Du oder Sie Anrede wirklich mit Respekt zu tun?

Respekt und Anstand haben nichts zu tun mit der Anrede. Es ist ähnlich wie mit Titeln «Herr Doktor» oder «Herr Ingenieur», eigenen Büros oder Türschildern – solche Statusmerkmale, die früher mal relevant waren, haben zunehmend ausgedient (die neuen Titeln wie MBA, usw. werden sowieso nicht mehr verwendet) und spielen in der heutigen Arbeitswelt kaum noch eine Rolle. Zudem kann wie im Englischen das You auch das Du sowohl freundschaftlich als auch geschäftlich sein und Kollegen auch per Sie beleidigend sein.

Entschuldigung, seit wann siezen wir uns?

Eine Kolumne von Rezo

Das grundlegende Problem der Du-Sie-Konvention ist nun aber, dass sie fundamental auf der Ideologie basiert, Menschen in eine hierarchische Struktur einzuordnen. Denn wenn das Sie ein Zeichen von Respekt ist und der Chef es eher verdient als der Arbeitnehmer, ist die logische Implikation, dass ein Chef mehr Respekt verdient. Und wenn ein 40-Jähriger grundsätzlich das Sie mehr verdient als ein 17-Jähriger, dann impliziert das zusätzlich einen Zusammenhang zwischen Alter und Respekt. Und wenn Chefs und Ältere darüber entscheiden können, ob zwei Leute sich nun duzen oder siezen, bedeutet das: Sie bestimmen. Ganz grundsätzlich und über alles Wichtige.

Den ganzen Artikel lesen:

https://www.zeit.de/kultur/2020-01/soziale-medien-hoeflichkeit-anrede-twitter-saskia-esken-rezo

Anredeform-Varianten in Unternehmen

Es gibt verschiedene Anredeformen:

  • Du-Ansprache: generelles Duzen unter Kollegen sowie zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern
  • Sie-Ansprache: generelles Siezen
  • Mischformen: Anrede mit Vornamen aber dennoch per Sie.

Vorteile & Nachteile der Du- und Sie-Ansprache

Duzen im Unternehmen

Vorteile:

Die Du-Ansprache kann (bewusst kann, denn das muss ja nicht so sein)

  • vertrauensfördernd wirken, Nähe erzeugen
  • zu einem „Wir-Gefühl“ – also einem Gemeinschaftsgefühl – und damit zur Identifizierung mit dem Unternehmen beitragen
  • Hemmschwellen und Distanz abbauen
  • neuen Mitarbeitern die Integration am Arbeitsplatz erleichtern
  • sich positiv auf den internen Austausch auswirken
  • motivationsfördernd sein
  • dazu führen, dass Probleme/Schwierigkeiten schneller angesprochen werden
  • förderlich für Geschäftsbeziehungen sein, denn damit wird gegenseitiges Vertrauen signalisiert

Nachteile:

Die Du-Ansprache kann

  • zu „Plauderei“ und übermäßigen privaten Gesprächen während der Arbeit führen
  • Vertraulichkeit suggerieren, die nicht gegeben ist
  • auf Außenstehende (z. B. Kunden, Geschäftspartner) befremdlich, „kumpelhaft“ wirken
  • die Aussprache heikler, unangenehmer Themen (Kündigung, Kritik, …) und die Umsetzung unpopulärer Personalmaßnahmen erschweren

Siezen im Unternehmen

Vorteile:

Die Sie-Ansprache kann

  • dazu beitragen, dass Auseinandersetzungen nicht so schnell emotional und persönlich werden und Diskussionen sachlich bleiben
  • ein respektvolles und höfliches Miteinander fördern,
  • Außenstehenden (z. B. Kunden, Geschäftspartnern) den Eindruck von Seriosität vermitteln
  • eine Distanz erzeugen, die als positiv empfunden wird
  • förmlich und formell wirken
  • zur Neutralität beitragen – lässt also in der Kommunikation weniger auf Sympathie, Beziehung etc. schließen
  • interne Hierarchien hervorheben (falls gewünscht)

Nachteile:

Die Sie-Ansprache kann

  • die Zusammenarbeit und den Austausch erschweren/bremsen
  • ablehnend wirken
  • Diskretion suggerieren, wo keine gegeben ist
  • eine Distanz erzeugen, die als negativ wahrgenommen wird

Transparenz und klare Regeln sind essenziell

Wer bietet wem das Du an?

Abgesehen von internen Regelungen – wer bietet wem das Du an? Die klassischen Regeln sind immer noch gültig:

  • der Ranghöhere bietet das Du immer dem Rangniedrigeren an: z. B. die junge Chefin der älteren Mitarbeiterin, aber niemals umgekehrt, der Kunde der Verkäufer.
  • bei Gleichrangigen: die ältere Person der jüngeren
  • die Dame dem Herrn

Der Wechsel vom „Sie“ zum „Du“

Für den Wechsel vom „Sie“ zum „Du“ gibt es Regeln. Das „Du“ kann nur der hierarchisch höher Gestellte anbieten. Anders als im privaten Leben gilt dies grundsätzlich und unabhängig vom Alter.

Sollte der Vorgesetzte das „Du“ anbieten, empfiehlt es sich, das Angebot auch anzunehmen. Ablehnen ist heikel und sollte nur mit guter Begründung erfolgen.

Umgekehrt bedeutet das Duzen am Arbeitsplatz nicht unbedingt gleich ein freundschaftliches Miteinander. Auch beim „Sie“ mit Vorgesetzen oder zwischen Kollegen kann der Umgang partnerschaftlich sein.

Wer im Unternehmen wem das Du anbietet

Grundsätzlich gilt im Berufsleben, dass der Ranghöhere dem Rangniedrigeren das Du anbietet – sprich der Vorgesetzte seinem Mitarbeiter. Dies gilt auch, wenn der Mitarbeiter älter ist. Auf gleicher Hierarchiestufe sind die Dienstjahre im Unternehmen entscheidend. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle. In der Praxis ist es vielerorts so, dass es firmenintern einheitlich geregelt ist. Am ersten Arbeitstag also: Ohren offen halten oder sich erkundigen, wie die Ansprache geregelt ist.

Ein Du darf auch abgelehnt werden

Jedem steht es frei, ein Du abzulehnen, wenn er sich damit nicht wohl fühlt. Entscheidend ist, wie man es ablehnt. Bei einer Absage ist darauf zu achten, dass man den Anbietenden nicht irritiert. Stattdessen sollte man höflich und freundlich vorgehen, zunächst seine Freude darüber ausdrücken und zeigen, dass die Ablehnung nicht persönlich gemeint ist. Eine Begründung ist dabei zwar nicht nötig, kann aber helfen – eventuell mit dem Hinweis beispielsweise, dass man mit dem Sie so gute Erfahrungen gemacht habe und bei dieser Form bleiben möchte.

Wer einmal beim Du ist, der bleibt beim Du

Grundsätzlich ist das so. Manchmal gibt es jedoch ein Duz-Verhältnis für eine bestimmte Zeit, etwa unter Seminarteilnehmern oder beim Betriebssport. Wichtig dabei ist, dass von Beginn an deutlich wird, dass es sich nur um ein temporäres Du handelt, das das Siezen im Berufsalltag nicht ausser Kraft setzt. Mittlerweile wird das aber eher selten so gehandhabt und ist auch etwas befremdlich.

Was ist wo üblich?

Skandinavien und die USA sind dafür bekannt, dass viel die Anrede mit Vornamen benutzt wird. Für englischsprachige ist sowieso nur Vor- oder Nachname entscheidend, denn „you“ ist „you“ und klingt immer gleich. Das Duzen hängt aber auch von der Branche ab: auf über 1.000 m Berghöhe ist man automatisch per Du in Österreich. Wer immer das auch gesagt hat, das habe ich mir gemerkt. Als ich vor Jahren beim Liftfahren von einem jungen Mann gesietzt wurde, tat das wirklich weh. Da war noch nicht mehr 50 – HALLO? In der Motorrad-Branche ist das  DU ganz normal und in der Unterhaltungs-Gastronomie ebenfalls üblich (wahrscheinlich, um allen Gästen ein Gefühl von Jugendlichkeit zu verleihen J ) Ab Salzburg ist das Du sehr viel üblicher, als im Osten von Österreich.

Das generelle Duzen in Unternehmen nimmt besonders in Unternehmen mit jüngeren und internationalen Mitarbeitern stark zu. Das Duzen ist hier Teil der Unternehmenskultur und soll das Wir-Gefühl und den Teamgeist stärken.

Darf/sollte man Kunden, Kollegen, Vorgesetzte automatisch Duzen, wenn diese das machen?

Als ich noch jünger bzw. sehr jung war, war mir das immer sehr unangenehm. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, vor allem bei älteren Menschen. Meine Erziehung hat nachhaltig gewirkt :-)

In meinen Seminaren bin ich mittlerweile nicht selten die Älteste in der Runde. Die Teilnehmer untereinander sind meist per Du. Selten, dass sich jemand traut, auch mich zu Duzen. Ich frage deshalb immer vor Beginn des Seminars, wie die Teilnehmer von mir angesprochen werden möchten. Noch nie hat sich bisher eine Gruppe für das „Sie“ entschieden. Ich lege dann aber auch großen Wert darauf, dass ich geduzt werde, sonst wechsle ich bei der Person, die mich siezt ebenfalls wieder zum Sie.

Wenn Kunden Verkäufer sofort per Du ansprechen, dann kann man das gerne aufgreifen und ansprechen. Nicht gleich beim ersten Du, das womöglich nur rausgerutscht ist, aber wenn die Anrede permanent per Du ist:  „Darf ich das Du aufgreifen?“ „Wollen wir lieber per Du sein?“ oder „Ja, wir können gerne per Du sein“.  Damit ist die Situation entspannter und Klarheit in der Kommunikation.

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